50 Jahre Sommerspiele Melk
Jubiläumsproduktion „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller
Wohl nicht ganz zufällig wählte Intendant Alexander Hauer zum heurigen Jubiläum das Freiheitsepos von Schiller, das einerseits den Heldenmythos und das Aufbegehren einer ganzen Bevölkerungsgruppe stilisiert, andererseits auch gänzlich unpolitisch und unprätentiös von menschlichem Schicksal und innerem Zwiespalt berichtet. Auch wenn Ld.hptm. Dr. Pröll in seiner Festrede die Vorreiterrolle der Sommerspiele hervorhebt und betont, dass der Spielort Melk letztens auch der Grundstein für das Theaterfest Niederösterreich war, welches mittlerweile 22 Spielorte umfasst und kaum die kulturelle Vielfalt des größten Bundeslandes besser wieder spiegeln könnte, so ist dieses Grundverständnis bzw. das Bekenntnis dazu für einige leider nicht selbstverständlich. Hauer konnte zwar auf die Lorbeeren seiner Vorgänger Peter Janisch und Nikolaus Büchel aufbauen, ging aber letztendlich seinen eigenen Weg und baute eine Trademark rund um die Sommerspiele Melk auf, die abseits des austauschbaren Theater-Mainstreams gleichermaßen von Publikum wie Kritiker weiter über die Landesgrenzen hinaus geschätzt wird. Hauer ließ sich weder vom Hochwasser noch von so manchem politischen Unverständnis lokaler Politiker unterkriegen, ging wohl auch in finanzieller Sicht Risiken ein, ließ sich aber nie von seiner Vision abbringen und setzt(e) seinen Weg konsequent fort:
große Stoffe der Weltliteratur und Mythologie & großes Theater auf höchstem Niveau & Sprungbrett für junge Talente.
Facettenreiche Nuancen
Das stylish reduzierte Bühnenbild mit dem barocken Stift im Hintergrund ist nach wie vor alle Jahre auch vor Sonnenuntergang immer wieder eine beeindruckende Kulisse, die sicherlich ihresgleichen sucht und eine einzigartige Bewusstseinswolke über das Publikum legt, lang noch bevor das Stück überhaupt begonnen hat. Die Erwartungshaltung ist groß, gibt es doch kaum jemand, der diesen Klassiker nicht in der Schule las und sich an Rütli-Schwur und Apfel erinnert. Andreas Patton jedoch gibt einen Tell, der trotz klassischer Inszenierung und Versmaß, ein bisschen das mythische Heldenpathos abschüttelt und in facettenreichen Nuancen viel Spielraum für große Gefühle lässt. Doch das ganze Ensemble, welches aus drei Schauspielergenerationen besteht (der jüngste Paul Eberstaller ist 13 und hat bereits in der Volksschule Obergrafendorf Bühnenluft geschnuppert und Peter Wolsdorff ist 72 und kann als Träger des Raimund-Rings auf ein riesiges Repertoire verweisen), scheint wie aus einem Guss geformt zu sein. Und die Jüngeren stehen den Erfahreneren in punkto professioneller Spielfreude um nichts nach. Trotzdem die meisten den Inhalt dieses Stücks kennen, wird eine derartige Spannung aufgebaut, die locker mit einem TV-Krimi mithalten könnte, was vielleicht auch daran liegt, dass Patton oder Weixelbraun auch aus TV-Rollen in Tatort oder Kommissar Rex bekannt sind. Heinz Weixelbraun, dem die Kostümbildner einen grellroten Anzug verpasst haben, der im Habitus einem gewissen Diktator nicht unähnlich ist, glänzt als gnadenloser Tyrann Gessler. Mit welcher Lockerheit die jungen Wilden (Moritz Winklmayr und Paul Eberstaller = beides Schüler des Stiftsgymnasiums Melk) an die Sache herangehen und trotzdem Respekt vor diesem Literaturklassiker beweisen, ist auch beachtlich.
Alles in allem eine Inszenierung, die vielleicht bei manchem zum Umdenken führt und (Vor-) Urteile ausräumt, hat man nun doch die Chance eine vielleicht trockene Schul-Pflichtlektüre aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.
Didi Rath - mostropolis
Regie: Alexander Hauer
Dramaturgie: Petra Dobetsberger
Bühne: Karl Fehringer und Judith Leikauf
Kostüm: Susanne Özpinar und Moana Stemberger
Licht: Dietrich Körner
Maske: Beate Lentsch-Bayerl
Mit: Andreas Patton (Wilhelm Tell), Christian Dolezal (Rudolph der Harras), Alois Frank (Konrad Baumgarten / Stüssi), Matthias Hacker (Kuno der Hirte / Johannes Parricida), Simon Hatzl (Arnold von Melchthal), Ronny Hein (Ruodi der Fischer), Franziska Hetzl (Armgart), Jaschka Lämmert (Bertha von Bruneck), Sara Joana Müller (Gertud Stauffacher), Thomas Mraz (Ulrich von Rudenz), Karola Niederhuber (Hedwig Tell), Christian Preuss (Walther Fürst), Alexander Strobele (Werner Stauffacher), Heinz Weixelbraun (Hermann Gessler), Moritz Winklmayr (Seppi), Peter Wolsdorff (Werner, Freiherr von Attinghausen)
Wird noch bis 6. August 2010 jeweils um 20.15 h in der Donauarena Melk gespielt. Hier gehts zum
Premierenreport von twist & shout.
Das waren die Premierenbilder von
Krieg und Frieden 2009,
Casanova 2008 sowie
Apokalypse 2007!
Weitere Infos unter
www.kultur-melk.at.
Karten online
hier oder unter
www.oeticket.com.